PAUL VINCENT VAN GOGH • 1853-1890

Vincent van Gogh wurde am 30. März 1853 in Groot-Lundert (Südholland) als das älteste Kind einer in bescheidenen Verhältnissen lebenden Pastorenfamilie geboren. Er kam erst spät, fast dreißig jährig, zur Kunst, nachdem er ein unruhevolles, von einem Mißerfolg zum anderen führendes Leben hinter sich gebracht hatte. Sein ausgeprägt eigenwilliges, sprunghaft unausgeglichenes Temperament und sein verschlossener, wenig zugänglicher Charakter brachten ihn schon in jugendlichem Alter in Konflikte. Ohne die Schulausbildung abgeschlossen zu haben, wurde er 1869 Verkäufer in der Kunsthandlung Goupil (Den Haag), deren Teilhaber ein Onkel von ihm war, wanderte dann in die Brüsseler und endlich in die Londoner Niederlassung dieses Geschäfts. 1875 wurde er an die Pariser Zweigstelle überwiesen, aber die fortgesetzten Händel mit Kunden und Geschäftsleitung verdrossen ihn und ließen ihn nach London zurückkehren, wo er den freilich wieder erfolglosen Versuch machte, sich als Hilfslehrer an Armenschulen zu bewähren. Innerlich verbittert, suchte er sein Heil in der Bibel, doch scheiterte auch sein mit messianischer Leidenschaft angegangener Versuch, Pastor zu werden. Er bestand die Aufnahmeprüfung ins Amsterdamer theologische Seminar nicht, ging an die Brüsseler evangelische Missionsschule und wurde von dort 1878 als Missionar zu den Bergarbeitern im wallonischen Grubengebiet (Borinage) geschickt. In diesem Beruf befleißigte er sich eines wahren Übereifers. Er verschleuderte Hab und Gut an die Armen, lebte wie sie und kam schließlich so herunter, daß er aus seinem Amt entlassen wurde. In dieser Zeit entstanden seine ersten künstlerischen Arbeiten, Zeichnungen nach den armseligen Geschöpfen seiner Umwelt, und begann sein Kampf, sich für Mission oder Kunst zu entscheiden. Gefördert durch den Zuspruch des jüngeren Bruders Theo, der die Kunsthändlerlaufbahn erfolgreich eingeschlagen hatte und zeitlebens eine Stütze von Vincent war, entschied er sich schließlich für die Kunst. Von der Akademie in Antwerpen kam er 1886 nach Paris, wo er bei Theo Aufnahme fand, mit fast allen bedeutenden Künstlern Verbindung aufnahm, eine tragische Freundschaft mit Gauguin schloß und während zweier Jahre in einer wahren Schaffenswut über zweihundert Bilder, Landschaften, Stilleben und Porträts, schuf. Unter dem Einfluß des Impressionismus überwand er den düsteren, dunkel gestimmten Ton seiner ersten, der „holländischen“ Schaffenszeit, einer Art akademischer Bauernmalerei. 1888 reiste van Gogh nach Arles, um in dieser südlichen Landschaft die Farbe zu finden. Sein Lieblingsgedanke, hier mit dem Freunde Gauguin gemeinsam schaffen zu können, zerschlug sich in tragischer Weise. Gauguin, eine herrische, von sich selbst überzeugte Natur, fand nicht den rechten Zugang zu den Gedanken des mimosenhaft empfindsamen, nun schon von Verfolgungswahn angefochtenen van Gogh. Im Rausch schleuderte dieser dem Freund ein Glas an den Kopf und bedrohte ihn mit dem Rasiermesser. In einem Anfall von Wahnsinn, vielleicht aus Kummer über die endgültig zerbrochene Freundschaft, schnitt er sich, alleingelassen, ein Ohr ab und überreichte es einer ihm befreundeten Dirne als Geschenk. Ein Anstaltsaufenthalt folgte, der erste von weiteren, die dem von Nervenkrisen und einer übersteigerten Menschenfeindlichkeit gepeinigten Künstler notwendig wurden. Gerade in diesen letzten beiden Jahren seines am 27. Juli 1890 durch Freitod endenden Lebens aber rang sich der Maler zu seiner größten Kunst auf. Malerei wurde ihm zu einem Mittel, sich seiner inneren Qualen zu entledigen, auszusprechen, was er fühlte. Die symbolisch gesteigerte Farbe, die leidenschaftlich vorgetragene Form, der bis in den Zug des Pinsels hineinreichende Ausdruckswille, sie machten nun seine Sprache aus.

Aus dem Buch:

Moderne Malerei: Von Renoir bis Buffet von Bodo Cichy, Juckerverlag: 1970, Seite 64

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