ROBERT DELAUNAY • 1885-1941

Am 12. April 1885 in Paris geboren und mit den Grundbegriffen der Malerei in einer Malerschule zu Belleville vertraut geworden, ging Robert Delaunay seine ersten Bildthemen, neben Bildnissen vornehmlich Landschaften aus der Bretagne, in der Art der Seurat und Signac, also der sogenannten Neoimpressionisten an. Bald und nicht zufällig etwa zur gleichen Zeit wie die Schöpfer des Kubismus, Picasso und Braque, stieß er auf die Kunst Cézannes (gegen 1910). Aber seine zutiefst poetisch gestimmte Natur und seine nie versiegende leidenschaftliche Zuneigung für die Farbe hielten ihn davon ab, in die Richtung der zurückhaltenden monochromen Farbigkeit und der vom Intellekt gelenkten Bildarchitektonik des Kubismus voll einzuschwenken, die sich in den Bildern der ausgehenden ersten Jahrzehnts auch bei ihm in deutlichen Spuren angezeigt finden. Vielmehr drängte er, der nach seinen eigenen Worten mit der Malerei nicht das Gegenständliche, sondern „den Herzschlag des Menschen selber“ sichtbar machen wollte, auf die Farbe und auf die Verwandlung des Sichtbaren in lyrische, von der bewegenden Dynamik der rhythmisierten Farbakkorde durchwaltete Klangvisionen. Und wenn er in den Jahren um 1910/13, da er zu seinem Anliegen recht eigentlich durchfand, mit Vorliebe sportliche Ereignisse, Kathedralen oder immer wieder den Eiffelturm zum Vorwand nahm, so war es ihm nicht um das Motiv in seiner banalen Realität zu tun, sondern um die Aktion, die sich im Spiel oder in dem wolkenstürmenden Aufsteilen der Türme der Empfindung mitteilt. Sie und das optische Erlebnis in farbige Klanggebilde umzusetzen, in die auch die seelischen Regungen aus dem Augenerlebnis, also das, was der Dichter Guillaume Apollinaire als das „Orphische“ an dieser Malerei erkannte, mit einbeschlossen sind, das war das eigentliche Thema seiner Kunst. Kein Wunder, daß er schon 1912, zwei Jahre nach Kandinsky, aber unabhängig von diesem, zum völlig ungegenständlichen und nur noch auf die selbständige Darstellungskraft der Farbe sich berufenden abstrakten Bild, zum reinen Klang fand. Von 1914 bis 1920 lebte Delaunay in Spanien und Portugal, kehrte dann nach Paris zurück und blieb bis zu seinem Tod am 25. Oktober 1941 unermüdlich tätig. Mag er sich künstlerisch auch gewandelt haben, so ist er doch nie von jener lichtvollen, schönen und in allen Teilen beglückenden Farbdichtung abgekommen, zu der er schon dreißig Jahre zuvor gefunden hat.

 

Aus dem Buch:

Moderne Malerei: Von Renoir bis Buffet von Bodo Cichy, Juckerverlag: 1970, Seite 100

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