PIERRE BONNARD (1867-1947)

Am 13. Oktober 1867 in Fontenay-aux-Roses bei Paris geboren, erfuhr Pierre Bonnard eine gründliche humanistische Schulbildung und folgte zunächst dem Wunsch des Vaters, sich eine abgeschlossene Ausbildung zu erwerben. 1885 begann er Jura zu studieren, schrieb sich aber schon 1888 an der École des Beaux-Arts in Paris ein, wo er auf seine späteren Weggenossen Vuillard, Denis und Sérusier traf. Eine Ausstellung der Werke von Gauguin (1889) nahm ihn und die Freunde so gefangen, daß er mit diesen zusammen unter dem Namen Nabi eine Künstlergruppe bildete, die auf die Abwendung vom Impressionismus und auf eine Kunst zielte, welche alle Theorien leugnen und die dekorativen Werte vor allem der Farbe zur uneingeschränkten Geltung bringen sollte. 1889 gab Bonnard die juristischen Studien auf, und er begab sich auf seinen langen, durch Stürme kaum angeregten und trotz aller Wandlung gradlinig und gleichsinnig verlaufenden Weg als Maler. Zunächst standen zwar Zeichnung und Lithographie im Vordergrund, und der schon hier sich zeigenden Begabung als Illustrator ist Bonnard nie ganz untreu geworden, wiewohl er im Grunde Maler war selbst in seinen Zeichnungen. Seine Malerei, die sich eines ungewöhnlich weiten Themenkreises bemächtigen sollte (Landschaft, Akt, Bildnis, Interieur, Stilleben, szenische Motive und rein dekorative Bilder), war unter dem Einfluß von Gauguin, mehr aber noch des japanischen Farbholzschnittes von Anbeginn an eine Malerei der Fläche, der zweidimensionalen Komposition aus Farben und Linien, wobei die Farbe als das eigentlich wesentliche Element die lineare Zeichnung mehr und mehr verdrängte, alleinherrschend wurde, so sehr, daß Bonnard um 1912 sich selbst eingestand, die Farbe habe ihn derart hingerissen, daß er ihr unbewußt die Form geopfert habe, und folgerte: „Ich muß mich im Zeichnen üben. Ich zeichne jetzt ohne Unterlaß. Und auf das Zeichnen wird die Komposition folgen, die im Gleichgewicht sein muß. Ein gut komponiertes Bild ist schon zur Hälfte vollendet…“ Aber wenn sich in dieser Zeit auch die eigenartige „Haltlosigkeit“ seiner wie wollig erscheinenden Bilder zu straffen begann und an Festigkeit der Form gewann, so wuchs seine Farbe im gleichen Maße in der entgegengesetzten Richtung auf eine dem Impressionismus wieder sehr nahe, vor dem unbekannte Helligkeit und atmosphärische Transparenz zu. Und beiden, der Farbe wie der Form, blieben die Eigenschaften des Dekorativen eigen. Mag die Palette Bonnards im letzten Vierteljahrhundert seines am 23. Januar 1947 endenden Schaffens aus der Leidenschaft für „die Farbe, die einen narrt“ glühender geworden sein, so hat sie doch nie den Fanfarenton fauvistischer Farbgebung oder den Schrei der expressionistischen Farbe angenommen, sondern sich immer den heiteren, lyrisch angehauchten, sonnengleichen Klang bewahrt, der die Werke dieses Malers so liebenswürdig erscheinen läßt.

 

Aus dem Buch:

Moderne Malerei: Von Renoir bis Buffet von Bodo Cichy, Juckerverlag: 1970, Seite 172

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