MAURICE UTRILLO • 1883-1955

Utrillo, am 26. Dezember 1883 als unehelicher Sohn der Malerin Susanne Valadon in Paris geboren, ist nicht einer der großen, zukunftsbestimmenden Neuerer der modernen Malerei, sondern fast so etwas wie ein Außenseiter, ein liebenswürdiger freilich, was seine Kunst angeht. Das ihm in die Wiege gegebene Erbe war von zweierlei Art: Von der Mutter, einem echten Naturtalent, die Kunst, vom Vater, einem kleinen Angestellten namens Boissy, den lasterhaften Hang zum Alkohol. Schon als Junge ergab er sich dem Trunk, und bereits als Achtzehnjähriger landete er vorübergehend und wie später wieder in der Trinkerheilanstalt. Zur Malerei angehalten von der Mutter, um ihn von seiner Sucht abzulenken, malte er ohne echte Begeisterung in den Jahren bis um 1906/07 mit tief gestimmten, dunklen und pastos aufgesetzten Farben und eher einem unbewußten, primitiven Instinkt als einer Schulrichtung folgend die Bilder seiner sogenannten Montmagny-Periode: Ansichten immer wieder von Vorstadthäusern, Straßenschluchten und den Pariser Kais. Von der Ehrlichkeit und Einfalt eines Rousseau, Zeugnisse eines nicht vom Intellekt versperrten, aus dem Unterbewußtsein herausgeborenen Ausdrucks, waren diese Bilder, von denen er allein im Jahr 1904 fast anderthalbhundert aus sich herausgeschleudert hat, von großer, später kaum überbotener Wahrheit und Schönheit. Die Häßlichkeit der schmutzigen Mauern, der hinterhöfischen Gassen, man spürt sie nicht, wie es denn keineswegs die Absicht Utrillos war, diesen Aspekt einer Umwelt herauszustreichen, in der er, der Kneipenwanderer, zu leben bereit war. Vielleicht unter dem Einfluß der Impressionisten beginnt sich um 1907/08 seine Palette zu lichten und gewinnen die im Thema sich gleichbleibenden Bilder eine neue Frische und von Weiß getragene Helligkeit und Leuchtkraft. Die absonderlichen Mixturen, aus denen er dieses der Schaffensperiode bis zum Weltkrieg namengebende Weiß gewinnt, die Vermischung von Weiß oder Gips mit Leim und zerstoßenen Eierschalen, hindern und mindern diese fast impressionistische Schönheit nicht, so wenig wie den emaillehaften Glanz, der sich seiner Malerei zunehmend bemächtigt. Reisen nach Korsika und in die Bretagne blieben nicht ohne Einfluß auf die Auflichtung seiner Farbe. Aber wie wenig es Utrillo um die Abschilderung der Natur im Sinne des Impressionismus ging, erhellt nicht nur an der immerwährenden merkwürdigen Atmosphärelosigkeit und der festen Gebautheit des Gegenständlichen in seinen Bildern, sondern auch daran, daß er mit Vorliebe nicht vor der Natur, sondern nach Postkarten malte. Obwohl der Maler nach dem Krieg, insbesondere um 1927, eine neue, gefälligere Buntheit der Farbe erreichte und ungeheuer produktiv blieb, sind doch die Bilder aus den ersten beiden Jahrzehnten dieses Jahrhunderts fraglos seine besten.

 

Aus dem Buch:

Moderne Malerei: Von Renoir bis Buffet von Bodo Cichy, Juckerverlag: 1970, Seite 98

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