HENRI ROUSSEAU • 1844-1910

Eine der merkwürdigsten und liebenswürdigsten Erscheinungen in der Malerei des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, wurde Henri Rousseau am 21. Mai 1844 als Sohn eines Klempners in Laval geboren. Seine ersten dreißig Jahre liegen fast ganz im Dunkel, und man weiß nicht einmal mit voller Sicherheit, ob er an der französischen Militärexpedition nach Mexiko teilgenommen und in diesem Land von 1862 bis 1867 sich aufgehalten hat, wie es mündliche Überlieferung wissen wollte und wie man aus der Bedeutung des Exotischen in seiner Malerei schließen zu können glaubte. Sicher ist dagegen, daß er eine Zeitlang (bis um 1880) als Zöllner tätig war, was ihm seinen Beinamen Der Zöllner eingetragen hat, und daß er Anfang der achtziger Jahre zur Malerei übergegangen ist, 1885 zum ersten mal Bilder im Salon des Champs-Elysées ausstellte und 1886 seinen Dienst beim Zoll zugunsten der Kunst quittierte. Rousseau trat freilich mit einer so eigenartigen Kunstauffassung vor sein Publikum, daß er sich praktisch zeit seines Lebens kaum mehr einhandelte als Gelächter. Erst kurz vor seinem Tod (2. Oktober 1910) und nicht zuletzt auf Grund der ehrenden Würdigung, die er durch Künstler wie Picasso erhielt, konnte er verkaufen und mehrten sich die Aufträge. Die Beurteilung seines Werkes, das den Zeitgenossen als die kindliche Äußerung eines Sonntagsmalers und Autodidakten erschien, hat sich mittlerweile grundlegend gewandelt. Was sich da als das Bild einer Welt gleichsam am ersten Tag der Schöpfung offenbarte, in einer ursprünglichen, echt naiven Primitivität sich als eine phantastisch-exotische Daseinssphäre darstellte, das kam aus dem gleichen Geist, der , im Ausgang des 19. Jahrhunderts an der Gültigkeit des bisherigen Weltbildes zu rütteln begann, einen van Gogh zum Missionar der Gefühle werden ließ, einen Gauguin zur Flucht aus der Zivilisation und in die Gemeinschaft mit den Eingeborenen trieb. Und es kam aus dem Verlangen, die Knechtschaft der Wirklichkeit zu fliehen und eine neue, von innen heraus geschaffene und von der Zivilisation nicht angefressene Wirklichkeit eigenschöpferisch zu gewinnen. Rousseau baute eine solche neue Bildwirklichkeit unter Einsatz der ganzen Kraft seines schlichten, unverkünstelten und gutmütigen Wesens auf. Er stückte sie, kaum angefochten von den Problemen der Perspektive und der natürlichen Erscheinung des Dinglichen, aus Teilen zusammen, die wie selbständig lebensfähige Elemente mit gläubelnder Liebe aus allen für sie charakteristischen Details gewonnen sind. Ein Baum beispielsweise wird, genau wie in den Zeichnungen von Kindern, als eine Ansammlung von Ästen gegeben, denen die Blätter angeheftet sind; eine Grasfläche als die Summe aus Einzelgräsern und Gras büscheln. Und aus dem Zusammenflechten solcher detaillierten Details ließ Rousseau seine zauberischen Universen entstehen.

 

Aus dem Buch:

Moderne Malerei: Von Renoir bis Buffet von Bodo Cichy, Juckerverlag: 1970, Seite 86

Deutsche Nationalbibliothek: http://d-nb.info/457614838