HENRI DE TOULOUSE-LAUTREC • 1864-1901

Als Sproß eines der angesehensten und ältesten französischen Adelsgeschlechter wurde Henri de Toulouse-Lautrec am 24. November 1864 im südfranzösischen Albi geboren. Obwohl schon in der Kindheit seine zeichnerische Begabung offenkundig wurde, wäre der zarte, fast schwächliche Knabe vielleicht nie ganz zum Künstler geworden, wenn ihn nicht 1878 zwei Unfälle, bei denen er seine Beine brach, in der körperlichen Entwicklung behindert hätten. Das Wachstum der Beine versagte, während der Oberkörper sich normal entwickelte, so daß Toulouse-Lautrec schließlich zu einer völlig unproportionierten Gestalt heranwuchs, nur 1,40 Meter groß wurde und eines Stockes bedurfte, den schwer auf den verkrüppelten Beinen lastenden Leib zu stützen. Dieses Mißgeschick, das ihn innerhalb der Kreise seiner Familie isolierte und für deren Lebensstil untauglich machte, verwies ihn auf seine natürliche Begabung und ließ ihn Maler werden. Nach seinem Abitur (1881) und nach dem er schon in den Jahren zuvor mit wahrer Besessenheit viele hundert Seiten in Skizzenbüchern mit Zeichnungen nach Allerweltsmotiven gefüllt hatte, begann er 1882 in Paris bei Bonnat, dann bei Cormon regelrecht Malerei zu studieren. Der akademische Unterricht, der ihm wohl das Handwerkliche geläufiger machte, war für seine Entwicklung indes weniger bedeutsam als die Begegnung mit den vielen Künstlern dieser Stadt und die Auseinandersetzung mit ihrem Werk, insbesondere dem von Edgar Degas. Von ihm lernte er das moderne Leben in seinen ganz spezifischen Eigenarten und Abseitigkeiten sehen, lernte er die gegenwartsnahen Motive, die Welt der Tänzerinnen, Büglerinnen, der Tanzlokale und Cafés als bildwürdig zu empfinden. Und es war eigentlich nur selbstverständlich, daß er mehr und mehr jene Umwelt zum Gegenstand seiner Kunst machte, in deren Bereich er zu leben bereit war: Die Welt des Moulin Rouge und Moulin de la Galette, der Tanzcafés und Kabaretts, der Schauspieler und Diseusen, der Chambres séparées und selbst der Bordelle. Sie und ihre Menschen, denen er sich eng und oft durch persönliche Freundschaft verbunden wußte, ging er in dem um1888 nach Überwindung des Impressionismus gefundenen Stil an, einer Manier, die auf größere Farbflächen in einem Gerüst von ausdrucksvollen, arabeskenhaften Umrißlinien sich stützte und einer Pinseltechnik sich befleißigte, welche den Charakter von Stofflichkeit und Oberflächenstruktur der Gegenstände in einem gestrichelten Netzwerk von Farbzügen nachempfand. Weit davon entfernt, wirklichkeitsgetreue Abbilder schaffen zu wollen, und besessen, das Leben oder den Charakter seines Modells direkt und in seinen wesentlichen Zügen, nicht also in seiner optischen Erscheinung einzufangen, ist er zu einer treffsicheren, reportagehaften, lebensnahen Kunst der Stilisierung in Zeichnung und Farbe gekommen. Das fast süchtige Verlangen, gleichsam direkt am Leben zu bleiben, überforderte schließlich den wenig robusten Künstler. Er verlor sich in ein immer ausschweifenderes Leben, trieb sich Nacht für Nacht in den Kabaretts und Tanzdielen des Montmartre herum und begann übermäßig zu trinken. 1897 begann er sichtlich zu zerfallen, 1899 folgte der völlige Zusammenbruch, aus dem er sich zwar kurzfristig erholte. Aber aus seiner Kunst trat der alte, bestechende Schwung zurück und machte einer mehr malerischen Haltung und einer vor dem unbekannten Unsicherheit Platz. Im März 1901 erlitt er einen neuen Zusammenbruch, von dem er sich nicht mehr erholte. Er starb, erst 37 Jahre alt, am 9. September desselben Jahres.

 

Aus dem Buch:

Moderne Malerei: Von Renoir bis Buffet von Bodo Cichy, Juckerverlag: 1970, Seite 72

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