GEORGES BRAQUE (1882-1963)

Der am 13. Mai 1882 in Argenteuil geborene Georges Braque, Sohn eines Anstreichers, wuchs in Le Havre auf und ging 1900 nach Paris, das ihm zum bleibenden, nur in Kriegszeiten kurzfristig verlassenen Domizil wurde. Zunächst freundete er sich mit dem Fauvismus an, den er jedoch sehr rasch schon (um 1906/07) zu einer dessen Anliegen fast entgegengesetzten, mehr architektonischen und in den Farben zurückhaltenden Malerei umbog. Unter dem Einfluß seiner Begegnung mit dem Werk von Cézanne und den Arbeiten des ihm zum Freunde gewordenen Picasso verdichtete sich sein Hang zum Strukturellen, Gebauten immer mehr in Richtung auf eine geometrische Stilisierung, aus der schließlich in den Jahren 1908/10 der Kubismus erwuchs. Aus der Überzeugung, daß in der letzthin flächengestaltenden Malerei jede Abstufung der gegenstandsgebundenen Farbe sich auf eine ganz bestimmte, ihr zugewiesene Fläche zurückführen und das Gegenständliche sich aus der Konstruktion solcher Flächen erarbeiten und in seinem reinen Formwesen gewinnen läßt, erreichte er, wie gleichzeitig auf anderem Wege Picasso und Léger, den analytischen Kubismus. In freundschaftlichem Verkehr mit Picasso entwickelte er diesen zu einem festen System und wandte ihn auf die Gestalt des Menschen, auf Stilleben und auch auf Landschaften an. Die seit 1912 bei ihm und den Gleichgesinnten spürbar werdende Umkehr von der Analyse zur Synthese, bei der die analytisch gewonnenen Formelemente als Mittel nicht der Zerlegung, sondern des Aufbaues von Ge genständen Einsatz finden, konnte von Braque des Krieges wegen nicht mit letzter Konsequenz zu Ende geführt werden. Ebenso wenig der Ausbau der von ihm erfundenen neuen Techniken der papiers collés, der Einflechtung von Druckbuchstaben in die Malerei, des Versatzes der Farben mit Sand und der Einbeziehung irgendwelcher realer Gegenstandsbruchstücke in den Farbvortrag. Als Braque nach seiner Entlassung 1917 wieder der Malerei sich zuwenden konnte, da ging er von dem zwischenzeitlich veränderten und von einzelnen in verschiedener Richtung weitergetriebenen Kubismus ab, ohne ihn ganz preiszugeben. Bis an den Beginn der dreißiger Jahre stellte er sich mit seinen Aktbildern, Stilleben und figuralen Kompositionen wieder in einen engeren, seine vordem charakteristische Hinwendung zur Abstraktion abmildernden Bezug zum Wirklichen, und seit 1930 dann ging er wieder zu einer nun in monumentaler Schlichtheit von Farbe und Form sich erfüllenden Gegenstandsferne über. Die bescheidensten Vorwürfe, Wasserflächen oder -becken zum Beispiel, konnten ihm nun bildwürdig und zum Anlaß seiner immer überzeugenden Malerei werden. Und wie weit er sich vom Sichtbaren entfernte, hat er es doch nie aufgegeben und in allem, auch in seinen plastischen Arbeiten, seine unverbrüchliche Liebe zu den Dingen, den alltäglichsten selbst, durchspüren lassen.

 

Aus dem Buch:

Moderne Malerei: Von Renoir bis Buffet von Bodo Cichy, Juckerverlag: 1970, Seite 162

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